| Rammstein-Interview: "Zu hart, zu fies oder zu provokant kann es gar nicht sein." Rammstein ist weltweit eine der erfolgreichsten deutschen Bands. Doch nicht nur ihre Musik ist oft provokant, das Porno-Video zur ersten Single sorgte erneut für einen Skandal. "Die Gabe, Musik machen zu können, hat nicht jeder. Und wir haben die in der Form auch nicht alleine, sondern die haben wir eben nur zusammen. Und diese Gabe sollte man zum Wohle der Menschheit versuchen zu nutzen. Es war ein harter Kampf. Deswegen müsste für mich diese CD gefühlte 60 Euro kosten, für den Stress, den wir hatten." Als ich das verglaste Interview-Zimmer im obersten Stockwerk des Gebäudes der Plattenfirma betrete, steht Paul Landers auf dem Balkon und genießt den sonnigen Ausblick über die Hauptstadt, während weit unter ihm gemächlich die Spree fließt. Der Rammstein-Gitarrist ist komplett in Schwarz gekleidet, dank seines Achselshirts sticht ein Tattoo am rechten Oberarm hervor. An Hals und Armen mit schweren Ketten behängt, bietet er mir freundlich und mit einem deutlich hörbaren Berliner Akzent erst mal etwas zu trinken an. Ich entscheide mich für eine Bionade, deren Kronkorken der bekennende SFT-Leser anschließend das gesamte Gespräch über durch seine Finger gleiten lässt. Das Porno-Musikvideo zur ersten Single Pussy war zu diesem Zeitpunkt wohl schon abgedreht, aber noch wusste niemand davon. SFT: Die Listening-Session gerade hat mir etwas mein Konzept durcheinander geworfen! PAUL LANDERS: Wie war denn das Konzept? SFT: Ich wollte eigentlich mit einer ganz anderen Frage beginnen, aber jetzt will ich doch erst mal wissen, was genau ihr in dem Lied singt, das einfach nur B******** heißt? PAUL: Das Wort existiert so überhaupt nicht! SFT: Also ein erfundenes Kunstwort? PAUL: Genau. Wir wollten die Fantasie nicht einengen, indem wir da etwas Konkretes vorgeben. Schreib was du denkst und wie du's hörst! Ich will gar nicht mehr dazu sagen, weil wir's selbst auch nicht buchstabiert haben. Der Titel lässt alles offen und jeder kann sich ausdenken, was er sich unter dem Wort vorstellen möchte und was sich dahinter verbirgt. SFT: Aber es hätte ja durchaus auch ein Schimpfwort in einer fremden Sprache sein können! PAUL: Ja, oder eine türkische Sexpraktik vielleicht. Ist es aber nicht! SFT: Vor ein paar Monaten sah es kurzzeitig mal so aus, als ob dieses Interview unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden würde, denn da hieß es, dass Till aussteigen würde und durch En Esch von KMFDM ersetzt wird ... PAUL: Aber das war doch eine totale Internet-Ente! SFT: Schon klar, aber wie seid ihr an diesem Tag mit so einer krassen Falschmeldung umgegangen? PAUL: Als das raus kam befanden wir uns gerade in einem kleinen Dorf an der Ostsee und haben den Grundstein für das neue Album gelegt. Wir hatten uns einen Monat in einem Bauernhaus eingeschlossen und probten. Wir haben das gar nicht mitbekommen, weil wir dort kaum Netzempfang hatten. Erst drei Tage später haben wir erfahren, dass wir angeblich in Schwierigkeiten stecken.Jedenfalls haben wir davon nichts mitbekommen und darauf würde ich jetzt auch keine Energie verschwenden. Für Medienforscher wäre sicher interessant zu analysieren, wie sich so etwas verbreiten kann. Und viele denken ja immer noch, dass Till wirklich ausgestiegen ist. Eigentlich unglaublich! Sonst kann ich da nichts zu sagen (überlegt). SFT: Habt ihr euch nicht ein bisschen hilflos gefühlt? PAUL: Nein. Da sind wir ganz geschmeidig. Wenn einer über dich erzählt, dass du zuhause einen roten Hamster hast, du hast aber gar keinen, dann stört dich das ja auch nicht! Wenn die Leute jetzt plötzlich Dinge erzählen würden, die dich emotional betreffen, dann kann das natürlich deine Lebensqualität beeinträchtigen. Aber bei diesem Thema war das nicht der Fall! SFT: Warum waren die Aufnahmen zum neuen Album für euch wie eine Achterbahnfahrt? PAUL: Ein passender Begriff, sehr schön! Du schließt dich also in ein Bauernhaus ein, fängst an Lieder zu spielen, denkst das ist ganz gut und nimmst alles auf. Dann hast du einen Sack mit 20 Tapes, auf denen 60 gute Ideen versteckt sind, aber auch ein Haufen Dreck. Das zu unterscheiden ist erst mal sehr schwierig und in diesem Müll musst du wühlen. Wir hatten einfach zu viel! Das war also der erste Horror. Aus diesem Haufen die Spreu vom Weizen zu trennen, war harte Arbeit! Zwar hätten wir nach dieser ersten Station schon das Album aufnehmen können, aber wir wollten die Lieder vorher in eine ordentliche Fassung bringen, also eine richtige Vorabaufnahme machen. Das war der zweite Schritt. Nachdem das fast geschafft war, hatten wir plötzlich keine Lust mehr und wollten lieber live spielen. Danach haben wir die Lieder ein drittes Mal angepackt und alles ging wieder von vorne los. Doch das, was beim ersten Durchgang noch gut klang, fanden wir jetzt doof. Ein Lied ist ja nur eine Momentaufnahme, Also haben wir wieder an den Songs gearbeitet, bis zum Abend war es gut und am nächsten Morgen hat es wieder nicht gepasst. Und so haben wir die Lieder nicht richtig zu Ende gebracht, haben sie halb offen gelassen und haben sie in vier oder fünf Stationen immer wieder von vorne begonnen, weil wir sie einfach nicht schnell genug fixiert hatten. Es war dann so, dass wir diese 30 bis 50 Lieder insgesamt viermal komplett durchgearbeitet hatten. Das hat alles ewig gedauert und war einfach die Hölle! Besser wurde es erst, als wir anfingen, Sachen wegzuschmeißen. Das war ganz eklig. Denn ohne zu wissen, was der Hit und der Flop wird, mussten wir Sachen aussortieren, einfach nur damit wir vorwärts kommen. Wir waren mit diesen vielen Liedern total überfordert. Als wir dann nur noch 20 hatten ging's voran, weil es einen Überblick gab. Du musst die einzelnen Teile der Lieder im Kopf haben, weil man ja Sachen hin und her verschiebt und die Texte dazu passen müssen. SFT: Aber warum habt ihr denn trotz der vielen Ideen, nie den Sack zugemacht habt? PAUL: Wir erkannten damals das Problem nicht. Das wissen wir erst jetzt. Wenn man an einer Station ist, sollte man es eigentlich zu Ende bringen. Wir haben aber hier einen Monat gemacht und dann eine Pause eingelegt. Dann da einen Monat gemacht. Und dann fing das immer wieder von vorne an. Jetzt würde ich sagen, man geht an einen Ort, in ein Haus, stellt sich auf die Situation ein und bringt es dort auch zu Ende. Hinzu kam bei uns noch, dass wir nicht so Recht wussten, was gut oder schlecht ist. Wir hatten kein Selbstvertrauen und haben uns gefragt: Wird das noch was? Wollen wir das noch machen? SFT: Ihr seid also auch innerhalb der Band an eure Grenzen gestoßen? PAUL: Nein, das war vorher, bei den letzten Platten. Diesmal haben wir uns, gezwungen durch die Arbeitsweise, wieder zusammengerauft. Aber es hat auch noch etwas gedauert, bis wir gelernt hatten, wieder miteinander umzugehen, jeder mit jedem, und uns gegenseitig die Meinung sagen zu können. Das war nicht einfach! Es ist leichter jemandem, den man nicht mag, aus dem Weg zu gehen, als das Problem zu lösen. Es gibt Leute, denen kann man einfach die Meinung sagen und es gibt andere, denen sagt man das lieber nicht, weil man weiß, die explodieren dann sofort. Wenn man aber zusammen kreativ sein will, dann darf es keine Negativ-Spannungen geben. Positive ja, aber bei negativen bekommst du kein Album geschrieben. Die Gabe, Musik machen zu können, hat nicht jeder. Und wir haben die in der Form auch nicht alleine, sondern die haben wir eben nur zusammen. Und diese Gabe sollte man zum Wohle der Menschheit versuchen zu nutzen. Es war ein harter Kampf. Deswegen müsste für mich diese CD gefühlte 60 Euro kosten, für den Stress, den wir hatten. Es hat sich aber gelohnt und ich will nicht jammern, aber es war das Anstrengendste, was wir je gemacht haben. SFT: Du bist in der Zeit also um einige Jahre gealtert? PAUL: Das nicht, weil ich ja dazwischen auch noch andere Dinge tue, um abzuschalten. Aber es war sehr, sehr anstrengend. SFT: Was machst du zum Ausgleich? PAUL: Windsurfen! SFT: Hier an der Ostsee? PAUL: Ja! SFT: Und wie gut bist du? PAUL: Puh! Ich hab noch viel zu lernen! SFT: Euer Manager sagt über diese Platte, ihr hättet euch musikalisch neu erfunden. Siehst du das genauso? PAUL: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich muss schon mal generell dem Management widersprechen, das ist so meine Natur. Ich finde sogar, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Wir sind wieder zurück zu den Wurzeln gekehrt. Wir haben da angeknüpft, was uns am Anfang ausgemacht hat. Wir sind wieder ein bisschen härter und ein bisschen klarer geworden. Das natürlich aus der heutigen Sicht! Wir haben nicht versucht wie Metallica beim letzten Album wieder wie die 80er zu klingen. Man kann immer gerne zitieren, aber der Bezug zu heute darf nicht fehlen. Das finde ich wichtig! Wir haben nicht versucht, ein Retro-Album zu machen. Kennst du den PT Cruiser von Chrysler? Der sieht zwar von außen ein bisschen nach alt aus und man denkt, cool. Aber drinnen ist die Armatur aus Plastik! Und so finde ich das eben nicht gut! Wir haben zwar schon versucht, an die Urkraft und den Ursound anzuknüpfen, aber auf jeden Fall aus der heutigen Sichtweise. Und natürlich haben wir auch die Erfahrungen der ganzen letzten Jahre einfließen lassen und ich hoffe, dass sich das bemerkbar macht. SFT: Drei Songtexte auf dem neuen Album sind ja wieder ziemlich kontrovers: Ich tu dir weh, Wiener Blut und Waidmanns Heil. Siehst du das auch so? PAUL: Ich tu dir weh find ich überhaupt nicht kontrovers. SFT: Du findest ihn nicht brutal? PAUL: Nein! Ich find den gut! Da kommt bei mir die blanke Freude auf, wenn ich das höre. Das ist eben eine Geschmackssache. Wenn du einen Film von Tarantino siehst, in dem 40 Japaner von einer Frau in einem gelben Overall niedergemetzelt werden, kann man sagen: Das ist ja pervers! Das ist eklig! Man kann es aber auch als lustig empfinden und sich über diesen Schwachsinn freuen. Das ist wirklich reine Ansichtssache und ich möchte niemanden vorschreiben, was er bei Rammstein Texten zu empfinden hat. Aber ich sehe diesen Text nicht als provokant. Auch Wiener Blut handelt von einem harten Thema und was die Menschen so fabrizieren, aber es ist sehr poetisch ausgedrückt und nicht platt. Wir achten immer sehr darauf, dass es nicht platt wird. Kann sein, dass das mancher als provokativ empfindet, das will ich auch niemandem absprechen, aber die Geschmackspolizei sind wir immer selbst. Wir denken nicht darüber nach, was die Leute meinen könnten, sondern uns ist wichtig was wir gut finden. Provokation gibt's bei Rammstein eigentlich immer inklusive. Das ist wie das Apfel-Logo! Das gehört dazu und wird mit Absicht eingebaut. Wir hatten noch ein anderes Lied in der Albumauswahl, das wirklich provokant war. Hier gab es innerhalb der Band und die hätten wir auch gehabt, den Song zu erklären. Ich hätte mich gefreut, wenn es das Lied auf die Platte geschafft hätte, aber das ist musikalisch noch nicht fertig. So ist das manchmal! Das ist wie wenn du dein Lieblingsrezept kochst, alle Zutaten wie immer nimmst und irgendwie wird's dann einfach trotzdem nichts. Man kann gar nicht sagen warum. So passiert das auch mal mit einem Lied Deswegen nimmt man ja auch immer mehrere Songs auf. Dieser Song ist eigentlich das einzige Lied, was nicht richtig funktioniert hat. Bei dessen Erklärung wäre ich aber auch ins Stottern gekommen und jetzt bin ich auch ein bisschen froh darüber, es nicht erklären zu müssen (lacht)! Aber es war schon ein gutes Ding! SFT: Na dann verrate und doch mehr darüber! PAUL: Es ist Quatsch, über ungelegte Eier zu reden. Aber ich möchte noch sagen, dass das, was du als provokant empfindest, du auch so empfinden darfst. Wir denken nicht in Kategorien "provokant" und "nicht provokant"! Wir denken nur in "gut" und "schlecht"! Beim Videodreh überlegen wir auch nicht: Darf der jetzt erschossen werden, sondern muss er erschossen werden, weil es wichtig für die Handlung ist. Und so entscheiden wir das. Wir denken nicht in den Kategorien verboten und erlaubt. Wir müssen keine Altersgrenze einhalten, wir haben FSK 20 (schmunzelt). SFT: Existiert innerhalb der Band eine Art Selbstzensur? PAUL: Das ist Geschmack! (überlegt lange) Im negativen Fall ist es Selbstzensur, im besten Fall ist es Geschmack. Oder wie meinst du das? SFT: Überlegt ihr euch, bestimmt Dinge nicht zu tun, weil es dadurch, wie in der Vergangenheit, wieder zu neuen Missverständnissen kommen würde? PAUL: Anfänglich, also in den ersten fünf Jahren, habe wir uns wie ein Säugling am Tisch benommen, der einfach die Ketchup-Flasche nimmt , auf den weißen Teppich schüttet und dabei zu 100 Prozent gar nicht weiß, was er eigentlich tut. Natürlich haben wir auch Feedback von der Öffentlichkeit erhalten, wo wir gemerkt haben, dass wir Dinge tun, die nicht alltäglich sind und von manchen Leute schon als ziemlich schmerzhaft empfunden wurden. Aufgrund dieser Erfahrung sind wir jetzt vorsichtiger. Das ist ganz normal. Uns ging es nie darum, die Leute total vor den Kopf zu stoßen. Wir machen einfach, was wir gut finden. Es läuft ganz klar so, dass wenn ein Thema aufkommt, wo wir denken, dass es zu hart sein könnte, wir gemeinsam überlegen und diskutieren. Man denkt aber auch anders herum. Nämlich bei Liedern, die zu seicht sind, dann fragen wir uns, ob das vielleicht zu lasch, zu freundlich, zu nett oder zu weichgespült klingt. Darauf achten wir mehr, als auf die Frage ob es zu hart ist. Zu hart, zu fies oder zu provokant kann es gar nicht sein. SFT: Aber warum habt ihr dann den vorhin angesprochenen Song nicht aufs Album gepackt? PAUL: Das ist leider musikalisch nichts geworden! SFT: Aber die möglichen Fehldeutungen des Stücks hättet ihr in Kauf genommen? PAUL: Ja. Aber innerhalb der Band existieren natürlich immer auch verschiedene Meinungen. Die einen haben keinen Bock mehr auf das ewige Theater, die anderen finden das Lied einfach nur gut. Aber ich kann allen versichern, dass es bis jetzt noch nichts Gutes gab, das wir aufgrund von Angst vor möglichen Missverständnissen weggelassen haben. Da wären wir ja auch schön blöd. Das ist schließlich unser Pulver. Bands die solche Kompromisse eingehen, kommen nicht weit, weil sie sich selbst verhindern. Es ist ja eigentlich unser Job. Wir bekommen Geld dafür, dass wir Sachen machen, bei denen sich manche Leute auf den Schlips getreten fühlen. SFT: Dann sind wir wieder bei der Provokation? PAUL: Na klar! Die ist praktisch inklusive! Es gibt verschiedene Arten der Provokation, natürliche und unnatürliche. Manche empfinden Oliver Pocher als unnatürlich, weil er immer alle nerven muss. Manche sagen, dass er das gar nicht anders kann. Das sieht jeder anders. Auch Christian Ulmen provoziert die Leute! Das kann man lustig oder auch nervig finden. Viel Geschmack und öffentliche Meinung spielt dabei eine Rolle, und auch der Zeitpunkt. Was heute für viel Empörung sorgt, wird in zehn Jahren belächelt. Wenn du jetzt zurückblickst und siehst, worüber man sich damals aufgeregt hat, dann kann man auch die Situation ein bisschen einschätzen. Wenn jemand Scheiße baut, dann freu ich mich eigentlich immer ein bisschen drüber. Bei dem Plattenlabel Aggro Berlin finde ich es gut , dass die immer ein bisschen Ungemach verbreiten. Es gibt für einen Künstler nichts Schlimmeres als Langeweile. Leute zu langweilen finde ich die größte Schande. Da wird nicht genug geahndet! SFT: Zwei Themen, die man euch immer noch gerne zuschreibt sind eine Sympathie mit der rechten Ecke und homoerotische Neigungen. Habt ihr gelernt, damit umzugehen? PAUL: Das mit der rechte Ecke machen wirklich nur noch ganz Zurückgebliebene. Ich persönlich habe das schon seit ein paar Jahren nicht mehr gehört. Wer das denkt, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Die öffentliche Meinung, also alle Leute, die sich nicht für unsere Musik interessieren und uns nur aus dem Augenwinkel mitverfolgen, denken manchmal noch in solchen Bildern. Das berührt mich nicht, weil ich weiß wer ich bin und wie wir sind. Alle Menschen, die uns kennen und einschätzen können, die wissen das auch. Wenn du von Weitem auf dem Mond schaust, dann denkst du, da gibt es viele Krater und es ist kalt, aber das muss ja gar nicht so sein. Man muss erst mal hin, um darüber reden zu können. Ich verzeihe aber auch allen, die schlecht über uns denken, weil ich es aus dem Augenwinkel wohl genauso machen würde. Das ist unser Schicksal, weil wir an Türen rütteln, die man zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufmacht, die man vor zehn Jahren besser noch geschlossen gelassen hätte und worüber man in zehn Jahren aber lachen wird. Homoerotisch finde ich übrigens sehr gut. Da freue ich mich, wenn wir da im Verdacht stehen. Schwule Nazis aus Berlin, sehr schön! SFT: Ihr habt bisher immer auf jedem Album elf Stücke. Hat das mittlerweile etwas mit Aberglauben zu tun? PAUL: Nein, das ist eher wie bei den Männern, die sich in der Gaststätte immer an denselben Platz setzen! SFT: Also Gewohnheit? PAUL: Ja. Frauen wollen immer woanders sitzen, während Männer lieber an der gleichen Stelle sind und meist auch immer das gleiche essen. So einfach ist das! SFT: Dann war es wohl auch Gewohnheit wieder den gleichen Produzenten zu nehmen. Wäre es nicht auch mal spannend gewesen, jemanden Neues auszuprobieren? PAUL: Das war auf jeden Fall der Plan. Aber auf Grund der Verzettelung und der Achterbahnfahrt die wir durchlebt hatten, war es uns am Ende wichtig, wenigstens eine bekannte Größe dabei zu haben. (schweift ab) Schau mal, auf der Innenseite des Bionade-Deckels steht ein R. Wenn das mal kein Zeichen ist! (alle lachen) SFT: Habt ihr dieses mal auch wieder so viele Songs aufgenommen, dass die übrigen Stücke gleich für das nächste Album reichen? PAUL: Nein, das war eine einmalige Sache. Wir bringen den Überschuss diesmal nicht als neues Album heraus. Es gibt eine Special-Edition und B-Seiten aber kein nachgeschobenes Album. Das war eine einmalige Sache, weil es sich zum einen angeboten hat und weil wir zum anderen aus dem Plattenvertrag raus wollten. Wir wollten frei sein. Es war es ein gutes Gefühl den Vertrag zu beenden, weil man dann nicht mehr Musik machen muss, sondern darf. Das ist ein großer Unterschied. Genauso wie: Du musst mit der Freundin schlafen, oder du darfst bzw. du willst mit ihr schlafen. Wenn einer eine Frau hat, die jeden Tag dreimal gepoppt werden will, wird das irgendwann zur Hölle, obwohl es ja eigentlich was Schönes ist. SFT: Macht ihr es euch mit dem Text zum Lied Pussy nicht ein bisschen zu einfach. Das klingt sehr nach gewollter Single für den US-Markt? PAUL: Eine US-Single wär doch schön! SFT: Aber das habt ihr doch kommerziell gar nicht mehr nötig! PAUL: Wir haben früher vor 10 Jahren mal versucht, Lieder wegen des vermeintlichen Hit-Charakters auf Englisch zu machen, aber das ist voll in die Hose gegangen. Die Welt will Rammstein nicht in Englisch! Nichtsdestotrotz hat Till Idee in anderen Sprachen. Wir hatten Spanisch auf der letzten Platte, vorher auch schon Russisch, diesmal auch noch Französisch - das lässt sich einfach nicht verhindern. Da schränken wir uns nicht ein, das lassen wir einfach so passieren. Wir denken dabei nicht an den US-Markt und eine Single. Wir fanden den Refrain einfach nur witzig. Ursprünglich war das Lied komplett in Englisch, doch die Amerikaner und Engländer, denen wir das vorspielten haben uns gebeten, etwas Deutsch mit einzubauen. Wir haben Till vorgeschlagen für die Strophenetwas Deutsches zu schreiben, was englische Muttersprachler auch verstehen. Einfach mit dem Anspruch, dass das Lied rund bleibt. Eine komplizierte deutsche Strophe mit dem englischen Refrain hätte einfach nicht gepasst. Ein gutes Lied wir von alleine ein Hit. Wir denken nicht in der Kategorie: Wie wird es ein Hit? Wir wollen einfach nur ein gutes Lied machen. Pussy wird auch die erste Single werden. Früher hätten wir uns geweigert, weil uns das zu kommerziell gewesen wäre, da es ja recht poppig ist. Aber wir sehen es inzwischen locker, ein Lied zu nehmen, das gefällig ist. Ich glaube nicht, dass es ein Hit wird. Es ist zwar ein gutes Lied, es ist witzig und die Leute verstehen das bestimmt, aber es ist nicht der Monsterkracher. Aber es ist cool und es hat vier Griffe. Vier-Griffe-Songs sind einwandfrei! SFT: Glaubst du, ihr werdet jemals euren Ruf als die bösen Buben der Nation noch mal los? PAUL: Das wird auf jeden Fall so bleiben. So wie Harald Juhnke immer der Säufer bleiben wird und Che Guevara der Coole und Fidel Castro der Betonkopf. Den Ruf hat man! Es wäre schön, wenn ... Ach nein! Wir werden ihn behalten! Zwar wird man einen Ruf mit jeder Tat, die das Gegenteil beweist, auch wieder los. Aber das werden wir nicht machen. Interview: Markus Erlwein http://www.sftlive.de/aid,697....ein.cfm
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