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ZWIEGESPRÄCH EMIGRATE - RICHARD Z. KRUSPE (22-05-2007) De
FRAGE: „Herr Kruspe, die Musikwelt kennt Sie als Gitarristen von RAMMSTEIN. Sie haben sich in der letzten Zeit mehrfach positiv über die Arbeit Ihres Freundes und Musikerkollegen EMIGRATE geäußert, der gerade mit „Emigrate“ sein erstes Album veröffentlicht. Seit wann kennen Sie sich?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Eigentlich kennen wir uns schon lange, wir kommen ja aus der gleichen Gegend. Wir sind uns früher aber eher flüchtig begegnet. Irgendwann kam er direkt auf mich zu, weil er eigene Ideen hatte und meine Meinung dazu wissen wollte.“

FRAGE: „EMIGRATE, wie ist es zur Begegnung mit RICHARD Z. KRUSPE von RAMMSTEIN gekommen?“
EMIGRATE: „RAMMSTEIN ist eine großartige Band und Richard ein Gitarrist und Songschreiber, den ich sehr respektiere. Ich hatte die Hoffnung, dass er mir helfen könnte, meine eigenen Projekte umzusetzen und so bin ich auf ihn zugegangen. Er war sehr offen und interessiert an dem, was ich denke und tue.“

FRAGE: „Wenn man Sie zusammen sieht, ist man am Anfang schon ein wenig irritiert...“
EMIGRATE: „Man sagt, wir würden uns ähnlich sehen. Das finde ich eigentlich nicht. Jedenfalls: wir waren häufig zusammen unterwegs. Ich war sein Schatten, Richard wollte das so.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Manche Leute finden ihn am Anfang vielleicht ein bisschen unheimlich. Oft steht er nur an der Seite und schaut finster. Man spürt ihn oft eher, als dass man ihn sieht, seine Energie, seine Unruhe. Er tauchte mit der Zeit immer häufiger auf und wir haben zusammen viel Musik gehört und diskutiert. Ich fand EMIGRATE als Person interessant und habe auch sofort gemerkt: er versteht etwas von Musik.

FRAGE: „Wo liegen Ihre musikalischen Gemeinsamkeiten?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Wir mögen beide Musik, die eher düster ist, die frühen Jahre von Swans, Big Black, Ministry, aber auch klassische Rock Bands wie Led Zeppelin, AC/DC, oder Black Sabbath haben uns musikalisch geprägt.“
EMIGRATE: „Wir habe beide Vorlieben für Songwriter wie Trent Reznor, Martin Gore oder Jeff Buckley, ein Musiker, der schon früh gestorben ist.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Mich interessiert auch das Melodiöse in der Popmusik, das nicht selten bei harter Musik fehlt. Beide Elemente versuche ich miteinander zu verbinden.“
EMIGRATE: „In diesem Punkt sind wir uns einig. Das ist das Besondere an der Musik von RAMMSTEIN: sie ist rough und zugleich sehr melodiös.“

FRAGE: „Wie hat sich ihre Freundschaft entwickelt? Das klingt alles sehr harmonisch!“
RICHARD Z. KRUSPE: „Es war manchmal auch recht anstrengend mit ihm. Wenn ein Song gelungen schien oder ein Konzert, kam er trotzdem mit Kritik um die Ecke. Ich habe ihm dann irgendwann den Rat gegeben, dass er sich selbst ausprobieren soll, dass er seine eigene Musik machen muss.“
EMIGRATE: „Nach einer Weile hatte sich bei mir etwas angestaut. Ich hatte den Eindruck, etwas radikal ändern zu müssen. Ich kam mit mir und mit Berlin nicht mehr so gut klar. Da entschloss ich mich, nach New York zu gehen.“

FRAGE: „Wie war der Anfang Ihrer Karriere?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Ich bin auf verschiedenen Wegen zur Musik gekommen. In meiner Heimatstadt Schwerin habe ich in der ersten Punkband mitgespielt, die es dort gab. Die hieß DAS ELEGANTE CHAOS. Ich stand irgendwann einfach im Proberaum der Band und habe mitgemacht. Ich war ziemlich laut, aber die anderen in der Band fanden das gut.“

FRAGE: „Sie haben auch eine klassische Musikausbildung...“
RICHARD Z. KRUSPE: “Stimmt. Ich bin in dieses Konservatorium in die Aufnahmeprüfung hinein marschiert und habe einen Song von UFO vorgespielt: „Dr. Dr. Please“. Die waren ziemlich überrascht, haben dann aber gesagt, ich könnte bleiben.“
EMIGRATE: „Ich wollte eigentlich nie die Musik von anderen Bands spielen. Das hat mich nicht wirklich interessiert. Ich habe einiges ausprobiert. Heute weiß ich: Musik ist das Medium, in dem ich mich am Besten ausdrücken kann. Richard versteht mich da sehr gut, glaube ich.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Musik zu schreiben, kann auch eine Art Therapie sein. Ich glaube, bei Dir ist das so.“
EMIGRATE: „Songs schreiben ist eigentlich mein Leben; ich werde krank, wenn ich nicht jeden Tag Musik machen kann. Ruhe ist nicht mein Ding. Wenn es gemütlich wird, drehe ich durch. Andere fahren in den Urlaub. Das ist O.K., aber ich kann das nicht. Andererseits: wenn ein Song dann gelingt, ist das für mich der schönste Moment überhaupt. Man fühlt sich fast wie frisch verliebt. Und man will dieses Gefühl immer wieder erleben.“

FRAGE: „Irgendwann haben Sie beschlossen, ein Album mit Ihren Songs aufzunehmen...“
EMIGRATE: „Es war für mich sehr wichtig, dieses Album zu produzieren. Der Rest der Welt war mir egal, ich habe das zuerst für mich getan. Das klingt vielleicht befremdlich, aber so war es nun einmal.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Ich habe ihn in der Idee bestärkt, dieses Album zu machen. Mich hat die Intensität, man könnte auch sagen Besessenheit, beeindruckt, mit der er dieses Vorhaben verfolgt hat.“

FRAGE: „Sie leben zumeist in verschiedenen Städten. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Orte, Klima und Menschen haben einen großen Einfluss auf mich. Bestimmte Musik kann ich nur an bestimmten Orten schreiben.“

FRAGE: „EMIGRATE, Sie haben New York sogar einen Song gewidmet...“
EMIGRATE: „Ohne New York hätte es das Album, hätte es EMIGRATE nicht gegeben. Etwas anderes schon, aber nicht EMIGRATE. In New York gab es sozusagen die Initialzündung. New York inspiriert mich, die Stadt hat eine magische Wirkung auf mich. Berlin dagegen erscheint mir oft destruktiv und kühl.“

FRAGE: „Wie erklären sie sich das?“
EMIGRATE: „Ich weiß nicht. Das hat vielleicht mit den vielen Toten zu tun.“

FRAGE: „???“
EMIGRATE: „In Berlin wurden nach dem Krieg viele Tote einfach so verscharrt, da, wo sie gestorben sind. Es war ja nicht genug Platz auf den Friedhöfen. Man kann manchmal spüren, dass sie noch unter dem Pflaster sind. Es gibt so Schwingungen, so einen kühlen Hauch in Berlin, manchmal. Es ist bestimmt auch kein Zufall, dass West-Berlin in den achtziger Jahren zu solch einer Drogenhochburg geworden ist. Im Osten hatte man den Alkohol. Die Menschen wollten in eine andere Welt entfliehen, etwas vergessen, sich betäuben.“

FRAGE: „Ihr Umzug von Berlin nach New York hat sich also schon eine Weile angebahnt?“
EMIGRATE: „In gewisser Weise war es doch auch eine spontane Entscheidung. An einem bestimmten Punkt wusste ich, ich muss weg, die Stadt tut mir nicht mehr gut. Ich habe alles hinter mir gelassen und praktisch von null angefangen.“

FRAGE: „Wann sind Sie nach New York gegangen?“
EMIGRATE: „Das war 1999. Als ich in New York ankam, kannte ich dort so gut wie keinen. Aber viele Orte waren mir vom ersten Moment an seltsam vertraut. Das ging mir auch mit den Menschen so. Manche Leute in Berlin halten Amerikaner für oberflächlich. Ich würde sie dagegen als offen bezeichnen. Offener als viele in Deutschland. In Berlin fühle ich mich zu Hause nicht einsam, dafür aber auf der Straße. In New York fühlt man sich draußen nicht einsam, man fühlt sich dort eher in seinen vier Wänden allein. Das hat etwas mit der Offenheit der Amerikaner im öffentlichen Leben zu tun. Amerika war immer ein Land der Mutigen, die etwas Neues anfangen wollten und auch ein Land der Kriminellen. Die Stadt ist von einem amoralischen Pioniergeist geprägt. Es gibt erst mal ein Versprechen für die Zukunft, eine Möglichkeit für jeden Neuankömmling.“

FRAGE: „Herr Kruspe, was dachten Sie, als ihr Freund nach New York gegangen ist?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Ich fand das spannend. Für mich kam das nicht in Frage. In Berlin sind viele meiner Freunde. RAMMSTEIN hat viel mit Berlin, mit der deutschen Sprache zu tun. New York erschien mir beim ersten Besuch wie ein Moloch. Aber klar: New York ist eine der schwierigsten und gleichzeitig schönsten Städte auf der Welt.“

FRAGE: „Hat sich für EMIGRATE der Schritt gelohnt?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Ja, beneidenswert: er sitzt da in einem alten Feuerwehrhaus in Manhattan und schreibt seine Musik! Ich habe ihn ein paar Mal dort besucht.“

FRAGE: „Warum heißt ihr Projekt EMIGRATE?“
EMIGRATE: „Im Hafen von New York sind ja viele Generationen von Einwanderern angekommen, die ihre ursprüngliche Heimat hinter sich gelassen hatten und in dieser Stadt ihr Glück suchten. EMIGRATE hat für mich sowohl mit körperlichem als auch mit geistigem Auswandern zu tun. Ich war auch eine Weile auf der Flucht - vor mir und vor den `Schatten von Berlin`. Gott sei Dank kam ich nach New York. Die Stadt ist mein Asyl und mein Babylon. Sie hat mich gewissermaßen EMIGRATE getauft. Sie hat mich an den Kern dessen geführt, was ich tun will, wie ich leben will. Sie hat mich sozusagen fokussiert. New York funktioniert wie ein Filter für mich, der alles Unwichtige aussondert. Die Stadt ist auch voller Dramen und Geschichten. Das brauche ich, um kreativ zu sein. In meinem Haus in New York zum Beispiel bemerke ich eine spezielle Energie. Das klingt vielleicht komisch, aber man kann die Gespenster der Vergangenheit spüren, wie sie durch das Haus wandern.“

FRAGE: „Während RAMMSTEIN mit deutschen Texten arbeitet, schreibt EMIGRATE in Englisch...“
EMIGRATE: „Es war für mich nur natürlich, die englische Sprache zu benutzen. Wenn ich in New York bin, denke ich auf Englisch. Ich habe es nicht versucht, aber ich glaube, ich könnte in New York nicht auf Deutsch schreiben. Ich fühlemich hier sehr wohl in der englischen Sprache.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Deutsch ist eine klangvolle, tiefe Sprache mit vielen Nuancen. Meine Muttersprache. Ich bin eigentlich mit amerikanischer Musik groß geworden. Das sind meine Wurzeln, aber ich habe nach meinem ersten Besuch in Amerika gemerkt: ich muss etwas machen, was mit der deutschen Sprache, der deutschen Kultur verbunden ist. Wir haben dann RAMMSTEIN gegründet. RAMMSTEIN hätte niemals in Amerika, in New York entstehen können.“

FRAGE: „EMIGRATE, Ihr erstes Album ist sehr persönlich. War es schwierig, ihre Gefühle in Worten auszudrücken?“
EMIGRATE: „Nein. Es ist soviel passiert in meiner Anfangszeit in New York, dass ich das irgendwie verarbeiten musste. Ich wusste am Anfang gar nicht genau, wohin die Reise geht.“

FRAGE: „Können Sie jetzt genauer sagen, wohin die Reise geht?“
EMIGRATE: „Für mich gilt auch weiterhin das alte chinesische Sprichwort: `Der Weg ist das Ziel`.“

FRAGE: „Hilft es Ihnen bei der Entwicklung des Projektes EMIGRATE, dass Ihr Freund RICHARD Z. KRUSPE viele Erfahrungen mit RAMMSTEIN gesammelt hat? Anders gefragt: gibt er Ihnen den einen oder anderen guten Rat?“
EMIGRATE: „Sicherlich, er hilft mir schon ab und zu, die wichtigen Entscheidungen treffe ich jedoch selbst. Richard hat den Kontakt zum langjährigen RAMMSTEIN- Produzenten Jakob Hellner hergestellt, der als Co- Produzent für „Emigrate“ tätig war.“

FRAGE: „War dabei nicht die Gefahr gegeben, dass sich Ähnlichkeiten zum Sound von RAMMSTEIN ergeben?“
EMIGRATE: „Natürlich haben Jakob und ich gerade am Anfang darauf geachtet. Es war jedoch für mich bald klar, dass wir da etwas Eigenes machen würden. Jakob Hellner war über die Zeit der Produktion hinweg ein hilfreicher Gesprächspartner und Ratgeber, dessen Meinung wir uns eingeholt haben.“

FRAGE: „EMIGRATE, wer sind die Musiker, mit denen sie ihr erstes Album aufgenommen haben? Und wird es ein zweites geben?“
EMIGRATE: „Alles Freunde und gute Musiker: Arnoud Giroux (Bass), Henka Johannson (Schlagzeug), Olsen Involtini (Guitar), Sascha Moser (Programming). Es war eine natürliche und organische Zusammenarbeit, es herrschte wirklich eine gute Chemie zwischen den Leuten, die so noch nie zusammengespielt haben. Zum zweiten Teil der Frage: EMIGRATE ist ein langfristiges Projekt. Es gibt schon jetzt einige Ideen für ein zweites Album.“

FRAGE: „Sie singen selbst. War dies für Sie von vornherein klar?“
EMIGRATE: „Nein. Ich habe auch nach anderen Sängern gesucht. Aber ab einem bestimmten Punkt lief es darauf hinaus. Mein Freund Arnoud Giroux hat es mir klar gemacht: Du hast diese Songs für Dich selbst geschrieben, Du musst sie singen. Das ist der einzige Weg.“

FRAGE: „ Wenn man die Musik hört, denkt man sofort: das muss live gespielt werden... Werden Sie mit den Musikern, mit denen Sie das Album eingespielt haben, auch gemeinsam auftreten?“
EMIGRATE: „Die Idee existiert. Es ist schon ein großer Reiz für mich, mit EMIGRATE vor Publikum aufzutreten, aktuell gibt es jedoch keine Tourpläne. Auf der Platte spielen ja viel beschäftigte Musiker mit, die in verschiedenen Ländern leben und arbeiten. Das war schon für die Studioproduktion eine Herausforderung.“

FRAGE: „Welche Rolle spielen visuelle Aspekte für Ihre künstlerische Arbeit?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Für mich ist das sehr wichtig. Bei RAMMSTEIN haben wir diesbezüglich viel ausprobiert. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, in eine andere Rolle, in einen anderen Charakter zu schlüpfen. Wenn ich die Chance hätte, würde ich gern mal etwas in dieser Richtung versuchen. Manchmal denke ich, in mir ist mehr als eine Person. Ich bin fasziniert von solchen Geschichten wie „DR. JEKYLL UND MR. HYDE.“
EMIGRATE: „Ich habe eine große Leidenschaft für Filme, für Kino. Ich glaube: auf die eine oder andere Art wird dies bei den öffentlichen Auftritten von EMIGRATE zu sehen sein - wo auch immer sie stattfinden werden.“

FRAGE: „Wo liegt der Unterschied in der Arbeit von EMIGRATE zu einer klassischen Band?“
EMIGRATE: „Einerseits kann ich recht frei entscheiden, wohin sich das Projekt entwickeln wird. Andererseits: die Reibung, der permanente kreative Input innerhalb solch einer Band wie RAMMSTEIN ist sicher sehr produktiv. Ich habe Richard oft darum beneidet...“

FRAGE: „Werden Sie beide einmal zusammenarbeiten, ein Album aufnehmen oder auch zusammen auftreten?“
EMIGRATE: „Ich hätte schon große Lust dazu, aber ich kann mir das gegenwärtig kaum vorstellen. Richard hat ja in der nächsten Zeit wieder mehr als genug mit RAMMSTEIN zu tun.“
RICHARD Z. KRUSPE: „Irgendwann - warum nicht? Wer weiß denn, was noch kommt!“

FRAGE: „Herr Kruspe, können Sie uns etwas zu der näheren Zukunft von RAMMSTEIN sagen?“
RICHARD Z. KRUSPE: „Ohne zu viel zu verraten: wir sind intensiv bei der Arbeit. RAMMSTEIN ist ein einzigartiges Projekt. Authentisch, kompromisslos nach außen und nach innen. Manchmal sorgen sich einige RAMMSTEIN-Fans um die Zukunft der Band. Denen kann ich versichern: RAMMSTEIN wird weitergehen, das ist sicher. Da ist für die nächste Zeit einiges zu erwarten.“

FRAGE: „Wir sind gespannt. Herr Kruspe, Mr. EMIGRATE, wir danken Ihnen sehr für das Gespräch.“

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